Arbeitsgruppe: Gesprächsführung
Station: Aufklärungsgespräch
Praxisübung
Aufklärungsgespräch im Rollenspiel üben
👁️ Der Fall
Kim wurde am 24.09.2026 um 10:13 Uhr in der Pause auf dem Fußballplatz von Max und Noa getreten. Sie benötigte anschließend ein Kühlpack und ging weinend zurück ins Gebäude. Max und Noa zeigten sich zunächst nicht gesprächsbereit. Der Vorfall wurde vom Kollegen Simon Huck in Clama dokumentiert:
📝 Aufgabenstellung
1. Teilt euch in drei Rollen auf:
- Kim – betroffenes Kind
- Lehrkraft
- Beobachtende Person (Wenn ihr zu viert seid, gibt es zwei beobachtende Personen.)
Wichtig: Öffnet jeweils nur eure eigene Rollenkarte, damit die Gesprächssituation möglichst realistisch und unvorbereitet bleibt. Das gilt insbesondere für die Rollenkarte „Lehrkraft“.
2. Öffnet eure Rollenkarte und beschäftigt euch kurz mit eurer Rolle und den darin enthaltenen Aufgaben.
3. Führt das Gespräch als Rollenspiel durch.
4. Anschließend gibt die beobachtende Person Feedback zum Gespräch.
Person A: Rollenkarte Kim (betroffenes Kind)
Deine Rolle
- Du bist Kim Meyer aus der Klasse 4a.
- In der Pause wurdest du auf dem Fußballplatz von Max und Noa getreten.
- Danach brauchtest du ein Kühlpack und bist weinend zurück ins Gebäude gegangen.
- Du bist noch aufgewühlt und suchst deine Klassenleitung auf.
Was vorher schon passiert ist
- 06.08.: Alex, Sam und Noa haben dich auf dem Fußballplatz bedroht. Sie wollten 10 Euro von dir und sagten, dass du sonst bald keine Freunde mehr hättest.
- 10.08.: Alex, Sam und Noa haben dich im Klassenraum beleidigt und als „Hurensohn“ bezeichnet.
- Von diesen beiden Vorfällen wissen deine Lehrkräfte bereits, weil sie die Situationen mitbekommen haben.
- Anfang September: Alex und Sam haben dich mehrfach wegen deiner Brille geärgert und dich „Brillenschlange“ genannt. Andere Kinder haben dabei gelacht.
- Vor einigen Tagen: Nach dem Ganztag haben Alex, Sam und Noa dir deine Sporttasche weggenommen, sind damit davongerannt und haben sie über einen Gartenzaun auf ein angrenzendes Grundstück geworfen.
- Von diesen beiden Situationen hast du deinen Lehrkräften bisher noch nichts erzählt.
- Es ist dir peinlich und du möchtest nicht als „Petze“ dastehen.
So spielst du Kim
- Erzähle nicht sofort alles von dir aus.
- Von den bisher unbekannten Situationen erzählst du nur, wenn du dich im Gespräch sicher und ernst genommen fühlst.
- Wenn die Lehrkraft Druck macht oder dich stark ausfragt, bleibst du eher zurückhaltend.
- Wenn sie offen fragt, dir Zeit gibt und dir Sicherheit vermittelt, kannst du nach und nach mehr erzählen.
Person B: Rollenkarte Lehrkraft (führt das Aufklärungsgespräch)
Stell dir vor, du bist die Klassenleitung von Kim und siehst, dass dein Kollege Simon in der Pause das oben dargestellte Ereignis in Clama dokumentiert hat.
Zusammenfassende Informationen zur Situation:
- Ort: Fußballplatz auf dem Schulhof
- Zeit: 10:13 Uhr, große Pause
- Ausgangslage: Kurz nach der Pause klopft Kim am Lehrerzimmer und meldet sich bei dir. Du hast gerade eine Freistunde und kannst dir Zeit für sie nehmen.
- Kim wirkt noch aufgewühlt und möchte mit dir über den Vorfall sprechen.
- Du bist die Klassenleitung von Kim Meyer.
- Kim kommt nach der Pause zu dir und möchte mit dir sprechen. Du hast gerade eine Freistunde und kannst dir Zeit nehmen.
- Dein Kollege Simon Huck hat den aktuellen Vorfall bereits in Clama dokumentiert (siehe Bildauschnitt oben).
- Im digitalen Schülerbericht siehst du außerdem zwei frühere Vorfälle aus diesem Schuljahr:

📝 Spickzettel für das Aufklärungsgespräch
- Gespräch eröffnen
- Ruhige, geschützte Situation schaffen und dir Zeit nehmen.
- Erklären, warum du mit Kim sprechen möchtest.
- Falls du Notizen machst: vorher ankündigen und Einverständnis einholen.
- Vermitteln: Hilfe holen ist kein Petzen.
- Aktuelles Befinden erfragen, z. B. mit Gefühlskarten oder einer Skala von 1–10.
- Erst erzählen lassen
- „Erzähl mal, was passiert ist.“
- „Und dann?“
- „Wer war noch dabei?“
- Möglichst offene Fragen, keine Suggestiv- oder Warum-Fragen.
- Sachverhalt und weitere Vorfälle klären
- Was genau ist passiert?
- Ist so etwas schon häufiger vorgekommen?
- Seit wann passiert das?
- Gab es noch andere Situationen?
- Wer war jeweils beteiligt?
- Vier Kriterien im Blick behalten
- Schädigungsabsicht: Gab es einen konkreten Konflikt oder eine Vorgeschichte – oder sollte Kim gezielt verletzt, gedemütigt oder ausgegrenzt werden?
- Wiederholung: Ist Ähnliches bereits häufiger passiert? Über welchen Zeitraum? Wie oft?
- Machtungleichgewicht: Hat Kim das Gefühl, den anderen unterlegen zu sein? Kann Kim sich wehren? Sind mehrere Kinder beteiligt oder körperlich/sozial überlegen? Wie erlebt Kim die eigene Stellung in der Klasse?
- Hilflosigkeit: Fühlt Kim sich der Situation ausgeliefert? Weiß Kim, was sie tun kann? Hat Kim das Gefühl, Unterstützung durch Lehrkräfte zu bekommen?
- Hintergründe verstehen
- Gibt es aus Kims Sicht einen Grund oder Konflikt, der hinter den Situationen steht?
- Nicht vorschnell selbst erklären oder interpretieren.
- Hilfewunsch klären
- „Was wünschst du dir von mir?“
- „Was würde dir helfen?“
- „Möchtest du, dass ich dir helfe?“
- Kim möglichst einbeziehen, bevor konkrete nächste Schritte festgelegt werden.
- Gespräch abschließen
- Unterstützung deutlich machen.
- Transparent sagen, was als Nächstes passiert.
- Folgetermin bzw. erneuten Kontakt vereinbaren.
Tipps
- Nutze bei Bedarf Gefühlskarten oder Skalenfragen, z. B.: „Wenn 1 bedeutet, dass du dich überhaupt nicht sicher fühlst, und 10 sehr sicher – wo bist du gerade?“
- Der Spickzettel ist eine Orientierung. Arbeite ihn nicht wie eine Checkliste ab.
- Ziel ist, dass Kim möglichst frei erzählt und du am Ende besser einschätzen kannst, was passiert ist, wie lange es bereits geht, wie Kim die Situation erlebt und welche Hilfe Kim braucht.
Person C: Beobachtende Person (gibt den anderen beiden Feedback)
Deine Rolle:
- Beobachte das Gespräch zwischen Kim und der Lehrkraft.
- Greife während des Gesprächs nicht ein.
- Notiere dir konkrete Beobachtungen und Formulierungen.
Hierauf solltest du achten:
- Stellt die Lehrkraft überwiegend offene Fragen?
- Vermeidet sie Warum- und Suggestivfragen?
- Gibt sie Kim ausreichend Raum, selbst zu erzählen?
- Fragt sie nach früheren oder weiteren Vorfällen?
- Fragt sie nach dem Hilfewunsch von Kim?
- Macht sie transparent, wie es nach dem Gespräch weitergeht?
- Nutzt sie bei Bedarf Gefühlskarten oder eine Skalenfrage, um Kims Erleben besser zu verstehen?
Achte außerdem darauf, ob folgende Punkte im Gespräch deutlich werden:
- Schädigungsabsicht: Gibt es einen zugrunde liegenden Konflikt oder waren die Handlungen gezielt gegen Kim gerichtet?
- Wiederholung: Ist Ähnliches bereits häufiger passiert? Über welchen Zeitraum und wie oft?
- Machtungleichgewicht: Fühlt Kim sich den anderen unterlegen oder hat sie das Gefühl, sich wehren zu können?
- Hilflosigkeit: Fühlt Kim sich hilflos und hat sie das Gefühl, Unterstützung durch Lehrkräfte zu bekommen?
Nach dem Gespräch:
- Bester Satz der Lehrkraft: Welcher konkrete Satz war besonders hilfreich?
- Das hat Kim geholfen: Wodurch hatte Kim erkennbar mehr Sicherheit oder Vertrauen?
- Verbesserung: An welcher Stelle hätte die Lehrkraft noch offener oder genauer fragen können?
- Neue Informationen: Was hat die Lehrkraft erfahren, was vorher noch nicht bekannt war?
- Einschätzung: Handelt es sich eher um einen einmaligen Konflikt, Schikane oder einen Verdacht auf Mobbing?