Arbeitsgruppe: Pädagogische Maßnahmen und schulische Handlungsketten
Station 2: Spezialfall Mobbing – erkennen und intervenieren
Theorie
Rollen beim Mobbing
Mobbing ist ein Gruppenphänomen. Neben der ausübenden und der betroffenen Person spielen auch Mitläufer und Zuschauer eine Rolle. Wer die Rollen kennt, versteht besser, warum Mobbing sich hält und wo eine Intervention ansetzen kann.
Wer mobbt, verfolgt damit meist ein Ziel: Anerkennung, Status oder Aufmerksamkeit. Bleibt das Verhalten erfolgreich, wird es wiederholt.
Motive
- Wunsch nach Status & Macht: Anerkennung durch Dominanz
- Fehlende Anerkennung & geringes Selbstwertgefühl: Wer selbst wenig Anerkennung erhält, gibt sie auch nicht weiter.
- Identitätsfindung: Abgrenzung, um ein klares Selbstbild zu schaffen
- Negative Aufmerksamkeit ist besser als keine.
Verlauf & Verhalten
- Lernen am Erfolg: Verhalten, das Macht, Anerkennung oder Aufmerksamkeit bringt, wird wiederholt (Bandura, 1963).
- Fehlende Konsequenzen: Ohne Eingreifen der Lehrkräfte bleibt das Verhalten erfolgreich.
- Verlust der Empathie: In der Gruppe wird das eigene Handeln weniger als persönliche Verantwortung erlebt (Deindividuation) und gerechtfertigt.
Mitläufer machen beim Mobbing mit, ohne es selbst anzuführen. Sie schließen sich der ausübenden Person an, weil sie selbst davon profitieren.
Motive
- Soziale Vorteile: profitieren als Gruppenmitglieder mit von Macht und Aufmerksamkeit
- Statussteigerung: wollen den eigenen sozialen Status verbessern
- Gruppenzusammenhalt: starkes Wir-Gefühl, Loyalität zur Gruppe
- Zustimmen ist leichter als Widersprechen (Konsistenztheorie).
Verlauf & Verhalten
- Modelllernen: ahmen die ausübende Person nach, weil das belohnt wird (Anerkennung, Aufmerksamkeit, Macht)
- Verstärkung: Das Verhalten nimmt zu, wenn es positive soziale Reaktionen gibt (vgl. Bandura, 1963).
Bystander bekommen das Mobbing mit, greifen aber nicht ein. Dabei könnten gerade sie viel verändern. Deshalb setzt der No-Blame-Approach auch auf unbeteiligte Kinder.
Warum greifen Bystander nicht ein?
- Angst vor dem Eingreifen: Unsicherheit, fehlende Handlungskompetenz
- Gruppenzugehörigkeit: Die eigene Gruppe beeinflusst das Verhalten gegenüber Betroffenen (soziale Identitätstheorie).
- Pluralistische Ignoranz: „Wenn die anderen nicht eingreifen, muss ich auch nicht.“ / „Ich könnte da eh nichts ausrichten.“
- Kognitive Dissonanz: innerer Konflikt zwischen eigenen Werten und tatsächlichem Verhalten
Betroffene Kinder leiden oft im Stillen. Für Lehrkräfte ist wichtig zu verstehen, warum sie selten von sich aus Hilfe holen und woran man Mobbing trotzdem erkennen kann.
Warum holen sich betroffene Kinder keine Hilfe?
- Scham: Die Situation fühlt sich wie ein Angriff auf das Selbstbild an. „Was denken die nur über mich?“
- Angst: vor Bloßstellung oder vor der Reaktion der ausübenden Person. „Ich will nicht als Petze dastehen.“
- Stress: Angst führt zu Erstarrung, Vermeidung und Rückzug, bis hin zur Schulverweigerung.
- Hilflosigkeit: „Mir kann doch sowieso niemand helfen.“ Laut Schülerangaben greifen nur 35 % (Peper, 1994) bzw. 40 % (Olweus, 2006) der Lehrkräfte bei Mobbing ein.
Warnsignal Leistung
- Angst und fehlendes Sicherheitsgefühl senken die kognitive Leistungsfähigkeit. Ein Tiefstatus kann den IQ um ca. 15 % senken (Kishida et al., 2012).
- Soziale Ängste erschweren die Konzentration auf fachliche Inhalte (Hascher et al., 2011).
- Schweigen und Rückzug im Unterricht, Schulverweigerung, verpasste Inhalte
- Sinkende Leistungen können ein Hinweis auf Mobbing sein und sollten in der Beurteilung berücksichtigt werden.
Merksatz: Betroffene Kinder melden sich oft nicht von selbst. Deshalb kommt es darauf an, dass wir aktiv hinschauen, auch in den Auswertungen in Clama (Phase 5).