Arbeitsgruppe: Gesprächsführung

Station: Mediationsgespräch

Phase 1
Zielsetzung
Phase 2
Theorie
Phase 3
Praxisübung
Phase 4
Anwendung in Clama

Theorie

Gesprächsphasen

Eine Mediation braucht einen klaren und sicheren Rahmen. Besonders wichtig sind:

  • Vertraulichkeit: Die Inhalte des Gesprächs werden vertraulich behandelt.
  • Freiwilligkeit: Die Beteiligten sollten grundsätzlich bereit sein, sich auf das Gespräch einzulassen.
  • Informationsaustausch: Beide Seiten erhalten ausreichend Raum, ihre Sichtweise, Gefühle und Bedürfnisse einzubringen.
  • Eigenverantwortung: Die Konfliktparteien entwickeln ihre Lösung möglichst selbst.
  • Ergebnisoffenheit: Die Lösung steht nicht vorher fest, sondern wird gemeinsam entwickelt.
  • Allparteilichkeit: Die mediierende Person unterstützt beide Seiten gleichermaßen und bewertet nicht vorschnell, wer „Recht“ oder „Schuld“ hat.

Besonderheit im System Schule: Vollständige Allparteilichkeit ist im Schulalltag nicht immer einfach. Lehrkräfte kennen die Kinder häufig bereits, verfügen über Vorwissen und tragen gleichzeitig Verantwortung für Regeln und Grenzen. Umso wichtiger ist es, sich der eigenen möglichen Voreingenommenheit bewusst zu sein und beiden Perspektiven möglichst gleichwertig Raum zu geben.

Weitere wichtige Hinweise:

  • einen ruhigen und geschützten Ort wählen
  • zu Beginn Ablauf und Gesprächsregeln erklären
  • darauf achten, dass beide Beteiligten ausreden können
  • Beleidigungen und gegenseitige Angriffe begrenzen
  • keine vorschnellen Lösungen vorgeben
  • bei schwierigen Konstellationen ggf. eine Mediation zu zweit durchführen
  • Stigmatisierungen vermeiden

Wichtig: Begriffe wie „Mobber“, „Opfer“ oder „ausübende Person“ passen nicht zu einem gleichberechtigten Konflikt. Sie suggerieren bereits ein Machtgefälle und eine eindeutige Rollenverteilung. In einer Mediation sollte deshalb neutral von den beteiligten Personen bzw. Konfliktparteien gesprochen werden.

💡 Hinweis: Mediationen sollten möglichst von Personen mit entsprechender Erfahrung oder Ausbildung durchgeführt werden. Die Gesprächsphasen und Leitfragen bieten eine Orientierung, ersetzen aber keine umfassende Mediationsausbildung.

Die mediierende Person steuert vor allem den Gesprächsprozess – nicht die Lösung.

  • Aktiv zuhören: aufmerksam bleiben, kurze Rückmeldungen geben und Raum zum Erzählen lassen
  • Paraphrasieren: Aussagen mit eigenen Worten zusammenfassen
    „Dir war also besonders wichtig, dass du dich auf Moritz verlassen kannst?“
  • Spiegeln: Gefühle und Bedürfnisse vorsichtig zurückgeben
    „Das klingt so, als hätte dich das vor allem enttäuscht.“
  • Offene Fragen stellen:
    „Was war dir in dieser Situation wichtig?“
  • Nachfragen und konkretisieren:
    „Wann genau ist das passiert?“ – „Was meinst du mit ‚immer‘?“
  • Ich-Botschaften fördern: Vorwürfe und Angriffe in Aussagen über die eigene Wahrnehmung, Gefühle und Wünsche überführen
  • Gefühle und Bedürfnisse herausarbeiten: Nicht nur beim sichtbaren Verhalten bleiben, sondern fragen, was dahinterliegt
  • Skalierungsfragen nutzen:
    „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr belastet dich die Situation?“
  • Perspektivwechsel anregen:
    „Wie könnte die Situation für die andere Person gewesen sein?“
  • Positive Formulierungen nutzen: Kritik möglichst als Wunsch oder Bitte formulieren
  • Zusammenfassen: Gemeinsamkeiten, Unterschiede und bereits geklärte Punkte bündeln
  • Visualisieren: Komplexe Konflikte bei Bedarf mit Skizzen, Mindmaps oder anderen Darstellungen sichtbar machen
  • Lösungen nicht vorgeben: Die Beteiligten möglichst selbst Vorschläge entwickeln lassen

💡 Tipp: Gerade bei gegenseitigen Vorwürfen hilft es, konsequent von „Du hast …“ zurückzuführen auf: „Was hast du erlebt? Wie hast du dich gefühlt? Was war dir wichtig?“

Zu Beginn schildern beide Konfliktparteien nacheinander, wie sie die Situation erlebt haben. Ziel ist, dass beide ihre Version der Geschichte ausführlich darstellen können.

Typische Herausforderungen:

  • Schüler nutzen häufig Neutralisierungstechniken, z. B. „Ich habe doch nur Spaß gemacht.“
  • Die Schilderungen beider Seiten sind oft gegensätzlich und widersprüchlich.

Hilfreiche Frageformen:

  • W-Fragen: Damit lassen sich Sachverhalte klar und schnell aufklären (Wann? Wer? Was? Wie?).
  • Bestätigungsfragen: Sie vermeiden Missverständnisse, z. B. „Habe ich es richtig verstanden, dass …?“
  • Skalierungsfragen: z. B. „Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr stört dich das?“

Mögliche Fragen:

  • „Wie habt ihr die Situation wahrgenommen? Wie hast du dich gefühlt?“
  • „X hat sich angegriffen gefühlt. Was hast du empfunden?“
  • „Wie genau hast du das gemeint? Kannst du es anders erklären?“

💡 Tipp: Diese Phase nimmt den größten Teil der Mediation ein, etwa 80 %. Haltet die wichtigsten Aussagen beider Seiten schriftlich fest.

Jetzt geht es um den Konflikt hinter dem sichtbaren Konflikt. Die konkrete Auseinandersetzung kann lediglich Ausdruck eines tieferliegenden Problems sein.

Ziel ist es herauszufinden:

  • wann der Konflikt begonnen hat
  • was der ursprüngliche Auslöser war
  • welche Gefühle, Erwartungen, Interessen oder Bedürfnisse eine Rolle spielen
  • was sich in der Beziehung verändert hat
  • welche weiteren Personen oder sozialen Dynamiken den Konflikt beeinflussen

Mögliche Fragen:

  • „Wann hat das angefangen?“
  • „Was ist zu diesem Zeitpunkt passiert?“
  • „Was hat sich im Vergleich zu vorher verändert?“
  • „Was genau stört dich daran?“
  • „Warum fühlst du dich dabei unfair behandelt?“
  • „Wie würdest du dich an der Stelle der anderen Person fühlen?“

💡 Tipp: Eisbergmodell

Das Eisbergmodell kann helfen, nicht nur die sichtbare Eskalation zu betrachten.

Sichtbar:
Verhalten · Worte · Vorwürfe · Eskalation

Unter der Oberfläche:
Gefühle · Bedürfnisse · Erwartungen · Interessen · Enttäuschungen

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur „Was ist passiert?“, sondern auch:
„Was steckt dahinter?“

Erst wenn der Konflikt und seine Hintergründe ausreichend verstanden wurden, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

  • einen gemeinsamen Nenner herausarbeiten
  • beide Seiten eigene Ideen entwickeln lassen
  • mehrere Lösungsmöglichkeiten sammeln
  • Lösungen nicht vorgeben
  • prüfen, ob beide Beteiligten die Lösung mittragen können
  • konkrete Handlungsschritte vereinbaren

Mögliche Fragen:

  • „Was müsste passieren, damit sich die Situation verbessert?“
  • „Was müsste passieren, damit ihr euch wieder vertragt?“
  • „Was müsste passieren, damit du dich wohler fühlst?“
  • „Was wäre deine Idee, um die Situation zu verbessern?“
  • „Hast du einen Vorschlag, wie ihr das Problem lösen könntet?“
  • „Was spricht für dich gegen diese Lösung?“
  • „Was möchtest du zukünftig verändern?“
  • „Was wünschst du dir für eure weitere Beziehung?“

Wichtig: Vereinbart bereits hier einen Zeitpunkt, an dem gemeinsam überprüft wird, ob die Lösung funktioniert und eingehalten wird.

Zum Abschluss reflektieren beide Beteiligten den eigenen Anteil am Konflikt und die gemeinsam entwickelte Lösung.

  • eigenes Verhalten reflektieren
  • den eigenen Anteil am Konflikt anerkennen
  • eine ehrliche Entschuldigung ermöglichen
  • zentrale Vereinbarungen zusammenfassen
  • Überprüfungstermin festlegen

Mögliche Fragen:

  • „Was nehmt ihr aus diesem Gespräch mit?“
  • „Was war für dich heute wichtig?“
  • „Was möchtest du hierlassen und was möchtest du für dich mitnehmen?“
  • „Gibt es etwas, wofür du dich entschuldigen möchtest?“

Wichtig: Eine Entschuldigung sollte nicht erzwungen werden. Sie ist insbesondere dann sinnvoll, wenn die Beteiligten den eigenen Anteil verstanden haben und die Entschuldigung ernst gemeint ist.

Nach dem Konflikt kann geprüft werden, ob weitere pädagogische Arbeit sinnvoll ist.

  • vereinbarte Lösung nachhalten
  • zu einem späteren Zeitpunkt prüfen, ob sie funktioniert
  • bei Bedarf weitere Maßnahmen vereinbaren
  • Themen des Konflikts ggf. im Klassenverband präventiv aufgreifen