Arbeitsgruppe: Pädagogische Maßnahmen und schulische Handlungsketten
Station 1: Gemeinsam handeln: Wer macht was – und wann?
Input für die Praxis
Ideenkoffer: Was können wir konkret tun?
- Gespräche
- Übungen für das betroffene Kind
- Übungen für das ausübende Kind
- Individualziele
- Weitere, schulische Angebote
- Konsequenzen
- Unterstützungsstellen
- Betroffenes Kind:
- Aufklärungsgespräch
- Nachgespräch / kurzer Check-in
- Beratungsgespräch mit Schulsozialarbeit oder Beratungslehrkraft
- Ausübendes Kind:
- Reflexionsgespräch
- regelmäßige kurze Gespräche
- Gespräch mit der Schulsozialarbeit
- Elterngespräch
- Abgrenzung: Ein Mediationsgespräch passt nur bei einem Konflikt zwischen Gleichstarken, nicht bei Gewalt mit Machtgefälle, Schikane oder Mobbing.
Wie man diese Gespräche führt, übt die AG Gesprächsführung und berichtet im Abschlussplädoyer.
Selbstwertgefühl steigern – Dein Stärken-Bericht
Zur Übung: https://www.clama-schule.de/wp-content/uploads/2024/07/Uebung-Glueckstagebuch-fuehren.pdf
- Was: Das Kind hält seine Stärken fest:
- Was kann ich besonders gut?
- Was mag ich an mir? (mindestens drei Punkte, begründet)
- Welche besonderen Fähigkeiten habe ich?
- Drei nahestehende Personen fragen, was sie an mir mögen.
- Worauf bin ich stolz, was habe ich letzte Woche geschafft?
- Wofür: Selbstwertgefühl stärken, eigene Stärken sichtbar machen, auch durch den Blick von außen.
- Hinweis: Den Teil mit den drei Personen kann das Kind zu Hause mit Familie oder Freunden machen.
Glückstagebuch führen
Zur Übung: https://www.clama-schule.de/wp-content/uploads/2024/07/Uebung-Staerken-Bericht.pdf
- Was: Das Kind hält am Ende des Tages fest, was gut war. Leitfragen:
- Positive Begegnungen?
- Was hat gute Gefühle ausgelöst?
- Was hat mich stolz gemacht?
- Habe ich mir selbst etwas Gutes getan?
- Wofür: Stimmung und Kraft stärken, den Blick auf Gelungenes lenken.
- Hinweis: am besten täglich, nach einigen Wochen gemeinsam schauen, ob es geholfen hat.
Hilflosigkeit mit Handlungsoptionen entgegentreten
- Was: Das Kind erarbeitet drei Strategien:
- Ignorieren: bei einzelnen dummen Sprüchen
- Grenzen kommunizieren: wenn es sich stark gestört oder bedroht fühlt
- Hilfe holen: wenn Grenzen trotzdem überschritten werden
- Wofür: eigene Handlungsmöglichkeiten entdecken, den Unterschied zwischen „Petzen“ und „Hilfe holen“ klären.
- Hinweis: nur begleitet bearbeiten. „Grenzen setzen“ persönlich besprechen und praktisch üben.
Auslöser für Fehlverhalten erkennen
- Was: Das Kind beschreibt, was es gereizt hat, wie es meistens reagiert und wozu das führt. Danach formuliert es, wie es gern reagieren würde, was es sich für die nächste Woche vornimmt und was ihm dabei hilft.
- Wofür: eigene Auslöser verstehen, eine andere Reaktion planen. Passt gut zu einem Individualziel.
Der Entschuldigungsbrief
Zur Übung: https://www.clama-schule.de/wp-content/uploads/2024/07/Uebung-Entschuldigungsbrief.pdf
- Was: Das Kind schreibt einen Brief mit vier Bausteinen: Entschuldigung, Eingeständnis, Versprechen, Bitte um Verzeihung. Ohne Schuldzuweisungen, ohne „aber“ und ohne Vorwürfe an die andere Person. Mit Vorlage und Formulierungshilfen.
- Wofür: Verantwortung in eigenen Worten übernehmen.
Der wertschätzende Brief
Zur Übung: https://www.clama-schule.de/wp-content/uploads/2024/07/Uebung-der-wertschaetzende-Brief.pdf
- Was: Das Kind schreibt dem anderen Kind, was es an ihm schätzt, und begründet jede Eigenschaft mit einer Situation. Nur Charaktereigenschaften, kein Aussehen. Mit Adjektivliste und Vorlage.
- Wofür: Wiedergutmachung, die Beziehung positiv wenden.
Ein Individualziel hilft dabei, nach einem Reflexionsgespräch in die Verhaltensänderung zu kommen. Auch als Unterstützungsangebot für das betroffene Kind kann sich eine Zielvereinbarung lohnen. Das Ziel wird gemeinsam mit dem Kind vereinbart und sollte nach dem SMART-Modell formuliert sein:
- Spezifisch: Welches konkrete Verhalten soll das Kind in welcher Situation zeigen?
- Messbar: Woran erkennen Kind und Lehrkraft, dass das Ziel erreicht ist? Bei uns über eine Skala von ★ (nicht erreicht) bis ★★★★★ (sicher erreicht).
- Erreichbar: Was hilft dem Kind, das Ziel zu schaffen? Zum Beispiel eine Strategie, eine Bezugsperson oder eine Erinnerung.
- Relevant: Warum ist das Ziel für dieses Kind und diese Situation wichtig?
- Terminiert: Über welchen Zeitraum wird das Ziel verfolgt, und wann wird es überprüft?
Die folgenden Beispiele zeigen, wie das konkret aussehen kann.
1 · Auf ein Stopp-Signal reagieren
- Spezifisch: Das Kind reagiert innerhalb weniger Sekunden auf das vereinbarte Stopp-Signal der Lehrkraft und unterbricht sein Verhalten.
- Messbar:
- ★★★★★ reagiert unmittelbar auf das Stopp-Signal
- ★★★★ reagiert nach kurzer Erinnerung
- ★★★ braucht mehrere Aufforderungen
- ★★ reagiert nur vereinzelt
- ★ reagiert nicht auf das Stopp-Signal
- Erreichbar: Das Stopp-Signal wird regelmäßig in kurzen Übungen trainiert und auf Alltagssituationen übertragen. Die Lehrkraft lobt jedes unmittelbare Reagieren und erinnert vor der Pause an das Signal.
- Relevant: ermöglicht schnelle Deeskalation, unterstützt eine wirksame Klassenführung und einen störungsarmen Unterricht.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, wöchentliche Einschätzung.
2 · Impulsive Reaktionen vermeiden
- Spezifisch: Bei Provokationen oder wenn eine Situation zu eskalieren droht, verzichtet das Kind auf Schubsen, Treten, Wegnehmen oder Beschimpfen und nutzt stattdessen die vereinbarte Strategie.
- Messbar:
- ★★★★★ nutzt in fast allen Situationen die vereinbarte Strategie
- ★★★★ nutzt sie meistens, in mindestens 4 von 5 Situationen
- ★★★ nutzt sie etwa in jeder zweiten Situation
- ★★ nutzt sie nur vereinzelt
- ★ reagiert weiterhin körperlich oder beschimpft
- Erreichbar: Atemtechnik (dreimal tief ein- und ausatmen), Ruhekarte für eine kurze Pause, Satz „Ich brauche kurz Abstand.“, Wut-Ampel oder Wut-Barometer. Die Lehrkraft erinnert vor der Pause an die Strategie und verstärkt Gelungenes sofort, z. B. auf einer Zielkarte oder in Clama.
- Relevant: schützt die Mitschüler:innen und gibt dem Kind eine Alternative zur körperlichen Reaktion.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, wöchentliche Einschätzung.
3 · Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen
- Spezifisch: Nach einem Vorfall benennt das Kind seinen eigenen Anteil an der Entstehung oder Eskalation der Situation und beschreibt mindestens eine Handlung, die es beim nächsten Mal anders machen kann.
- Messbar:
- ★★★★★ benennt seinen Anteil selbstständig und nennt eine Alternative
- ★★★★ benennt beides nach kurzer Nachfrage
- ★★★ benennt seinen Anteil nur mit deutlicher Unterstützung
- ★★ benennt ihn ansatzweise, schiebt die Verantwortung aber überwiegend ab
- ★ benennt keinen eigenen Anteil
- Erreichbar: regelmäßige Reflexionsgespräche mit einer Bezugsperson, kurze tägliche Selbsteinschätzung oder Reflexionsbuch, gemeinsam Entstehung und Verlauf der Wut reflektieren. Dazu passt die Übung „Auslöser für Fehlverhalten erkennen“.
- Relevant: fördert Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu steuern.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, Überprüfung im Reflexionsgespräch.
4 · Sich angemessen entschuldigen und Wiedergutmachung leisten
- Spezifisch: Nach eigenem Fehlverhalten entschuldigt sich das Kind selbstständig oder nach höchstens einer Erinnerung und benennt konkret, wofür. Es schlägt eine passende Wiedergutmachung vor und setzt sie um.
- Messbar:
- ★★★★★ entschuldigt sich selbstständig, konkret und schlägt eine Wiedergutmachung vor
- ★★★★ tut das nach einer Erinnerung
- ★★★ entschuldigt sich nur mit sprachlicher Hilfe
- ★★ entschuldigt sich nur allgemein („Sorry“), ohne Bezug
- ★ entschuldigt sich nicht
- Erreichbar: Entschuldigungen werden zunächst im Rollenspiel geübt. Die Lehrkraft gibt sprachliche Hilfen und reduziert sie schrittweise. Dazu eine Besprechung, wie man sich mit angemessenen Worten entschuldigt oder tröstet. Übungen: Entschuldigungsbrief, wertschätzender Brief.
- Relevant: fördert Verantwortungsbewusstsein und erleichtert es, Beziehungen wiederherzustellen.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, Einschätzung nach jedem Vorfall.
5 · Ich-Botschaften nutzen
- Spezifisch: In schwierigen Situationen drückt das Kind seinen Ärger mit einer Ich-Botschaft aus, statt zu beschimpfen.
- Messbar:
- ★★★★★ nutzt Ich-Botschaften selbstständig
- ★★★★ nutzt sie nach kurzer Erinnerung
- ★★★ nutzt sie nur mit Satzstarter-Karte
- ★★ nutzt sie nur vereinzelt
- ★ nutzt keine Ich-Botschaften
- Erreichbar: Satzstarter („Ich ärgere mich, weil …“) werden regelmäßig geübt, bis das Kind sie zunehmend selbstständig nutzt. Gefühlskarten oder Gefühlsmonster helfen, Gefühle zu benennen. Dazu eine gemeinsame Besprechung von Ich-Botschaften.
- Relevant: Ärger wird mit Worten ausgedrückt statt mit Beschimpfungen, das Gegenüber kann besser reagieren.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, wöchentliche Einschätzung.
6 · Rechtzeitig Unterstützung holen
- Spezifisch: Kann das Kind eine Situation nicht selbst lösen oder fühlt es sich überfordert, zieht es sich zurück und bittet eine vereinbarte Bezugsperson um Hilfe, bevor die Situation eskaliert.
- Messbar:
- ★★★★★ holt in fast allen Situationen rechtzeitig selbstständig Hilfe
- ★★★★ holt in mindestens 4 von 5 Situationen Hilfe
- ★★★ holt Hilfe, aber oft erst spät
- ★★ holt nur vereinzelt Hilfe
- ★ holt keine Hilfe
- Erreichbar: feste Bezugsperson vereinbaren und einen festen Ablauf für schwierige Situationen besprechen (Stopp sagen, Abstand nehmen, Gefühl benennen, Wunsch äußern, Hilfe holen). Dazu den Unterschied zwischen „Petzen“ und „Hilfe holen“ klären und eine begleitete Pause anbieten. Übung: Hilflosigkeit mit Handlungsoptionen entgegentreten.
- Relevant: fördert die Selbststeuerung und ermöglicht frühzeitige Unterstützung, bevor Arbeitsabbrüche oder Eskalationen entstehen.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, wöchentlicher Check-in.
7 · Schutzsatz nutzen
- Spezifisch: Überschreitet jemand seine Grenzen, sagt das Kind den vereinbarten Schutzsatz („Stopp, ich möchte das nicht!“), entfernt sich und holt bei Bedarf Hilfe.
- Messbar:
- ★★★★★ nutzt den Schutzsatz selbstständig und sicher
- ★★★★ nutzt ihn meistens
- ★★★ nutzt ihn nur nach vorheriger Erinnerung
- ★★ nutzt ihn nur vereinzelt
- ★ nutzt ihn nicht
- Erreichbar: den Schutzsatz im Rollenspiel üben, Stimme und Körperhaltung trainieren, vor der Pause daran erinnern, „Stopp – Abstand – Hilfe“ als festen Ablauf besprechen.
- Relevant: stärkt die Selbstwirksamkeit und gibt dem Kind eine klare, sichere Reaktion.
- Terminiert: z. B. 6 Wochen, wöchentlicher Check-in.
Kleine Übung: Für wen passt welches Ziel? (ca. 5 Min)
Ordnet die sieben Ziele zu:
- eher für die ausübende Person
- eher für die betroffene Person
- für beide
Diskutiert dabei:
- Woran macht ihr die Zuordnung fest?
- Bei welchen Zielen wart ihr euch uneinig, und warum?
- Worauf müsst ihr achten, wenn ihr einem betroffenen Kind ein Ziel gebt?
Denkanstoß: Ziele für ein betroffenes Kind sollen Schutz und Hilfesuche stärken. Sie dürfen nicht den Eindruck erwecken, das Kind sei dafür verantwortlich, Übergriffe anderer zu verhindern.
- Ruheraum
- feste Ansprechperson
- Pausenaufsicht informieren
- alternative Pausengestaltung
- geänderter Sitzplatz
- Sozialtraining
- Trainingsraum
- positive Verstärkung
- individueller Unterstützungsplan
- Pädagogische Konsequenzen:
- Ermahnung
- alternative Pausengestaltung / Pausenverbot
- Sitzplatzwechsel
- Ausschluss von der laufenden Stunde
- vorzeitig nach Hause / abgeholt
- Durch die Schulleitung: mündliche und schriftliche Missbilligung, weitere Ordnungsmaßnahmen nach Schulgesetz
- In der Schule: Schulsozialarbeit, Beratungslehrkraft, Schulleitung, Multiprofessionelles Team, Fallberatung
- Außerhalb:
- Schulpsychologischer Dienst
- Erziehungsberatungsstelle
- Kinder- und Jugendpsychiatrie
- Kinderärztin / Kinderarzt
- Jugendamt
- Sozialpsychiatrischer Dienst
- örtliche Polizei
